Alle Setzen! Der Castor kommt.
Ein Erfahrungsbericht von Anna Müller
Wenige Stunden nachdem der Castortransport am Freitagnachmittag von der französischen Aufbereitungsanlage „La Hague“ in Richtung Gorleben gestartet war, machten zwei Freunde und ich uns auf den Weg von Berlin ins Wendland. Wir hatten uns über eine Bettenbörse eine Unterkunft bei einem älteren Ehepaar besorgt um bis Sonntag zu bleiben.
Samstag fand die große Protestkundgebung in Dannenberg statt. Eine unüberschaubare Menschenmasse strömte zum Kundgebungsgelände. Die Stimmung war gut, der Himmel klar und pünktlich zum Beginn schien die Sonne. Ein gutes Zeichen! Es gab gute Redebeiträge von Kumi Naidoo, Direktor von Greenpeace International, Luise Neumann-Cosel, Xtausendmalquer und Martin Lemke, Republikanischer AnwältInnen Verein (RAV) und anderen die über die besonderen Probleme in Gorleben, aber auch über die geplanten Aktionen der kommenden Tage, informierten. Grüße aus Wien und Stuttgart wurden übermittelt und es wurde immer wieder über den Verlauf des Transports berichtet. Trillerpfeifenkonzerte und wahre Begeisterungsstürme brachen aus, als bekannt wurde, dass sich in Berg etwa 1500 Demonstranten bei einer friedlichen Sitzblockade auf den Gleisen befanden, sodass der Castorzug über Straßburg und Kehl umgeleitet werden musste. Die begeisterte Menge skandierte “Abschalten” und sangen mit instrumentaler Unterstützung “Castor Stop”! Viele tanzten, um sich aufzuwärmen, anderen informierten sich am Rande der Veranstaltung, wechselten gleich den Stromanbieter oder stärkten sich mit etwas zu Essen und zu Trinken. Überall nur gut gelaunte Menschen, Fahnen wehten mit der roten Antiatomsonne, Plakate und Transparente so weit das Auge reichte. Einige richtig kreative Ideen, wie die Clownsgruppe und das riesen Atomklo, waren auch dabei. Die Kundgebung war ein voller Erfolg, die größte bisher im Wendland und ein gelungener Auftakt für ein großesProtestwochenende.
Ich war besonders beeindruckt, dass so viele unterschiedliche Menschen teilnahmen, Junge und Alte, mindestens drei verschiedener Generationen. Insgesamt waren rund 50.000 Menschen nach Dannenberg gekommen um den Protest gegen die Atompolitik der schwarzgelben Regierung mit ihrer Stimme zu unterstützen. Während der Demo hatten die Landwirtinnen und Landwirte mit 600 Traktoren eine Straßenblockade in Splietau errichtet, einem direkt neben dem Kundgebungsgelände gelegenen Ort. Dort sollten die Castorbehälter später auf LKWs entlang fahren, auf ihrer letzten Etappe nach Gorleben. Dicht an dicht hatten sie die Traktoren kreuz und quer auf die Straße gestellt. Sogar den Fußgängern fiel es schwer, sich zwischen den Traktoren einen Weg zu bahnen. Es war ein sehr beeindruckender Anblick.
Neben der Kundgebung hatten ein paar Demonstrantinnen und Demonstranten angefangen die gleiche Straße ein paar Meter weiter zu untergraben um sie für LKWs unbefahrbar zu machen. Bis die Polizei zu ihnen vorgestoßen war, hatte das Loch bereits eine Länge von zehn Metern und war zwei Meter tief. Eingekesselt von rund 50.000 Demonstranten bewachte nun eine Hundertschaft der Polizei das Loch, damit es nicht noch größer wurde.
Abends wurde in den verschieden Camps, in denen die Leute untergekommen waren, noch ein wenig gefeiert, der erste Protesttag reflektiert und die Aktionen für den nächsten Tag vorbereitet.
Am Sonntag morgen um 5 Uhr “bring bring” … der Wecker klingelte. Klar der Castor wartete nicht auf die Demonstrantinnen und Demonstranten. Schnell drei Paar Strumpfhosen, zwei TShirts, zwei Pullis und etliches anderes angezogen, es sollte schließlich ein langer und kalter Tag werden. Die Autoscheiben wurde frei gekratzt und dann fuhren wir zum Camp nach Hitzacker. Dort organisierte und koordinierte “X-tausendmalquer” ihre Sitzblockadenaktion auf den Schienen. Und das war keine einfache Aufgabe. Etwa 2000 Menschen mussten irgendwie nach Harlingen und vor dort aus auf die Schienen kommen und das möglichst gleichzeitig. Nach drei Stunden hatten wir es geschafft, es hatten sich fünf Autokonvois mit
jeweils circa 40 Autos gebildet, die sich auf unterschiedlichen Strecken Harlingen näheren sollten, sowie eine Fußgängergruppe, von denen, die einfach keinen Platz in einem Auto mehr hatte. Ich hatte mein Auto voll beladen, fünf Menschen und etliche Strohsäcke um auch weich und warm zu sitzen. Mit dem roten Konvoi verließen wir als zweite Gruppe das Camp. So gegen 10.30 Uhr waren wir endlich auf dem Weg. In Harlingen angekommen, wurden wir von den Anwohnerinnen und Anwohnern aufs herzlichste empfangen. Harlingen besteht geschätzt aus sechs oder sieben Häuser, zumeist Bauernhöfe. Alle hatten ihre Türen geöffnet, versorgten uns mit belegten Broten, Tee, Kaffee und Schokolade und ließen uns die Toiletten benutzen. Am Straßenrand standen mehrere Feuerkörbe an denen man sich auch die Hände aufwärmen konnte bevor es auf die Schienen ging. An den Gleisen angekommen, trafen wir zuerst auf heftigen Widerstand der Polizistinnen und Polizisten, die eingesetzt worden waren um die Gleise zu beschützen. Vielfach kam Pfefferspray zum Einsatz, doch schnell hatten sie begriffen, dass man die Menge einfach nicht
aufhalten konnte. Sie waren deutlich in der Minderzahl. Unter Jubelrufen stürmten wir mit unseren Strohsäcken die Gleise und setzten uns dicht an dicht nebeneinander. (Hält warm!) Die Stimmung war wie am Vortag einfach fantastisch. Es wurde musiziert, gesungen und was man an Verpflegung hatte, teilte man mit seinem Sitznachbarn oder seiner Sitznachbarin. Geschätzt waren wieder um die 2000 Leute auf den Gleisen. Auch die Polizei war zu diesem Zeitpunkt und nachdem sie aufgegeben hatte die Gleise zu beschützen ganz umgänglich.
Als wir gegen Nachmittag dann doch schweren Herzens den Heimweg antreten mussten, kamen uns viele Menschen mit Verpflegung für die Atomkraftgegner und Atomkraftgegnerinnen entgegen.
Mich hat das ganze Wochenende unglaublich beeindruckt und bewegt. Wie stark der Protest gegen die Atomenergie besonders in der Bevölkerung im Wendland, die nun seit Jahren in unmittelbarer Nähe zum Atom(zwischen)lager Gorleben leben, verankert ist, zeigt sich darin
mit welcher Selbstverständlichkeit der Großteil der Bevölkerung die Demonstrantinnen und Demonstranten aufgenommen, verpflegt und unterstützt hat. Der Protest gegen die Atompolitik ist keine Randerscheinung, sondern in der Mitte der Bevölkerung angekommen und wir werden weiter demonstrieren , solange bis diese Botschaft auch bei der Regierung angekommen ist.
Wer Lust hat sich weiter zu informieren findet bei Greenpeace (www.castor.greenpeace.de/magazin/#page-0) einen guten und bildreichen Bericht über das Wochenende in Dannenberg. Informationen zu Aktionen und mehr findet ihr natürlich auf den Seiten der Jusos (ww.jusos.de) oder bei www.ausgestrahlt.de/.










Monday, 15.November 2010 von Anna
Schwarz/Gelb, Umwelt, Wir Jusos